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Kostbarkeit der Buchmalerei
Das
Mindener Sakramentar geht auf Bischof Sigbert zurück
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Das wertvolle Mindener Sakramentar, das sich heute in der Deutschen
Staatsbibliothek zu Berlin befindet, ist eine Bilderhandschrift, die zu den größten Kostbarkeiten der Buchmalerei gehört. Dieses Buch, das Anfang des 11. Jahrhunderts in der Amtszeit des
angesehenen [Bischofs Sigebert] (1022-1036) in Minden entstanden ist und Texte der Messe und der Sonn- und Festtage des Kirchenjahres enthält, schließt mit einem Bild ab, das das Pfingstgeschehen beschreibt. Es lenkt gewissermaßen den Blick des Betrachters in die Zukunft und möchte ihm Mut und Hoffnung zusprechen. Das Bild zeigt die Ausgießung des Heiligen Geistes, der sich in sieben Strahlen aus der Wolke über die Apostel ergießt. Die Zwölf, über denen die Feuerzungen lodern, sind voller Erregung. Ihre Gesichter verraten Erstaunen, Anspannung, Erwartung, Hörensbereitschaft auf den Anruf des Geistes. Alle halten das Buch in ihren Händen, dessen Botschaft sie in die Welt tragen sollen. Die unterschiedliche Fußstellung der Apostel drückt ihre Entschlossenheit aus, den schwierigen Dienst anzutreten, obwohl sie um ihre Ohnmacht wissen. Nur wenn der Heilige Geist sie sendet und ihnen die Kraft gibt, können sie es wagen. Als Ausdruck ihrer apostolischen Verantwortung sind sie auf erhöhten Thronen dargestellt.
Die sieben Strahlen vor dem goldenen Himmel vermitteln den Aposteln die sieben Gaben des Heiligen Geistes, die vor dem Tempel, der zur Hälfte von ihnen verdeckt wird, über sie ausgeschüttet werden. Jetzt beginnt etwas Neues, das von Gott kommt und alle Welt erfassen soll. Die schlanken Türme zur Rechten und Linken erinnern an Minarette von Moscheen. Der mittlere Kuppelbau könnte ein Hinweis auf den jüdischen Tempel, aber auch auf die Hagia Sophia in Istanbul sein, dem bedeutendsten Bauwerk der byzantinischen Kunst, das 532 - 537 erbaut und 1453 in eine Moschee umgewandelt wurde.
Der große Künstler Marc Chagall hat sich mit der Frage beschäftigt, wie er Gott malen könnte. Er schreibt dazu:
Ich bin dein Sohn, der mühsam auf Erden geht. Du hast mir die Hände gefüllt mit Farben, mit Pinseln. Ich weiß nicht, wie ich dich malen soll.
Muss ich die Erde malen, den Himmel, mein Herz? Die Städte in Flammen, die Menschen, die fliehen? Meine Augen voll Tränen? Wohin muss ich fliehen, zu wem gehen?
Der, der das Leben gibt, der, der den Tod schickt, vielleicht wird er zulassen, dass sein Licht durch mein Bild dringt.
Nach Meinung dieses großen Künstlers, der uns so wunderbare Kirchenfenster geschenkt hat, dringt das Licht Gottes durch die Bilder. Gott selbst wird in ihnen offenbar. Auch im Pfingstbild des Mindener Sakramentars wird der Geist Gottes sichtbar. Aber das Wort von Chagall will noch tieferes sagen: das Bild bin ich selbst. "Empfangt den Heiligen Geist" (Joh 20,22) bedeutet, dass Gottes Licht uns durchdringen will.
Chagall hat die Erde gemalt, den Himmel und das Herz, Menschen im Krieg und auf der Flucht und mit Augen voller Tränen. Aber die Gegenwart des Geistes Gottes kann alles verändern. Sie hat der Welt und den Menschen Glauben und Hoffen und Lieben geschenkt. Von diesen drei göttlichen Tugenden sagt Lothar Zenetti:
Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter. Menschen, die aus der Liebe leben, sehen tiefer. Menschen, die aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht.
[Nächstes Objekt im Mindener Domschatz: Die Mitra und die Autorität]
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