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Sonnenmonstranzen aus der Barockzeit
Goldener Strahlenkranz umgibt die Hostie
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Wer heute an einem Gottesdienst teilnimmt, in dem das Abendmahl
ausgeteilt wird, empfängt in der Regel auch die heilige Kommunion. Eine solche Praxis hat keineswegs immer gegolten. Im Mittelalter und ebenso in späterer Zeit hat es Phasen gegeben, in
denen das Sündenbewusstsein der Menschen so sehr gewachsen war, dass sie nicht mehr den Mut zum Kommunionempfang aufgebracht haben. Als der Empfang mehr und mehr zur Ausnahme wurde, die
Gläubigen aber an einer Verbindung mit dem Abendmahl festhalten wollten, trat an die Stelle der Mundkommunion die so genannte Augenkommunion. Die Menschen wollten Christus in der
geweihten Hostie mit ihren Augen schauen. Durch diese Entwicklung bildeten sich neue Formen der eucharistischen Verehrung heraus; es entstanden die Aussetzung des Allerheiligsten in der
Andacht, die Ewige Anbetung außerhalb des Gottesdienstes und die Fronleichnamsprozession. Die Gläubigen wollten die heiligen Hostie schauend anbeten und dabei im Gebet ihre Anliegen vor
Gott tragen.
Aufgrund dieser geistlichen Veränderung entstanden auch neue liturgische Geräte, vor allem die Monstranz. Das Wort kommt aus der lateinischen Sprache von
“monstrare” - “zeigen”. Die konsekrierte Hostie wurde in einem kostbaren Gefäß zur Verehrung ausgestellt. Diese neue liturgische Form begann etwa mit der
Einführung des Fronleichnamsfestes 1264, so dass von da an auch in den verschiedenen Kunstepochen der Gotik, des Barock und der Moderne Monstranzen entstanden sind, die entsprechend ihrer
Zeit gestaltet wurden. Ursprünglich hatten sie sich in ihrem Aussehen an die längst gebräuchlichen Reliquienmonstranzen angeschlossen, waren aber größer und reichlicher ausgestattet. In
der Barockzeit wurden diese Schaugefäße mit besonderer Pracht entfaltet, was vor allem von den Sonnenmonstranzen gilt. . Zwei von diesen Sonnenmonstranzen aus der Barockzeit
befinden sich in der Schatzkammer. Die Hostie in der Mitte ist von einem goldenen Strahlenglanz umgeben; damit soll gesagt werden, dass die Sonne Gottes in die Welt leuchtet. Diesem
Gedanken lag die theologische Vorstellung von der Allgegenwart Gottes in der Welt zugrunde. Franziskus, Therese von Lisieux. Mechthild von Magdeburg und viele mittelalterliche Mystiker
hatten in ihren Texten und Gebeten Liebeserklärungen an die Welt gerichtet. ”Die Welt ist der göttliche Bereich”; “Himmel und Erde sind erfüllt von seiner
Herrlichkeit”. Die Fronleichnamsprozession, die aus dem Kirchengebäude herauszieht, will sich auf diese Weise zur sakramentalen Schönheit der Welt bekennen; die mitgeführte
Sonnenmonstranz soll unterstreichen, dass Gott die ganze Welt durchdringt.
Die eine Sonnenmonstranz im Mindener Domschatz wurde von dem Mindener Goldschmiedemeister Caspar Heinrich
Vogelsang im Jahre 1718 gearbeitet. Sowohl die Initialen “CHV” als auch die Jahreszahl sind eingraviert. Das Gefäß ist in Silber getrieben und teilvergoldet. Über einem ovalen
Fuß in Vierpassform erhebt sich der Hals mit einem Knauf, der wie eine Vase gestaltet ist. Das Schaugefäß ist hierarchisch aufgebaut. Im unteren Teil steht Maria in führbittender Haltung,
von einer Strahlengloriole umgeben. Über ihr befindet sich in einem Glasbehälter das Allerheiligste. Die oktogonale Mitte nimmt in einer Lunula die konsekrierte Hostie auf. Darüber ist
Gottvater auf den Wolken mit der Weltkugel und im Segensgestus abgebildet. Auch er ist von einem Strahlenkranz umgeben. Über ihm schwebt der Heilige Geist als Taube ebenfalls in einer
Gloriole. Rechts und links flankieren die Hostie zwei zueinander gewandte Engel, die Weihrauchfässer schwingen. Die Monstranz wird auf der Spitze von einem Kleeblattkreuz mit Strahlen
gekrönt, in dessen Mitte sich ein Bergkristall befindet. Die ganze Monstranz ist mit Akanthusblattornamenten, Putten, Ranken und Medaillons verziert.
Die andere Sonnenmonstranz,
die wahrscheinlich aus Augsburg stammt und zwischen 1740 und 1750 entstanden ist, verfügt über einen ähnlichen Aufbau. Der Überlieferung nach ist sie ein Geschenk von Dompropst Hugo Franz
Karl von und zu Eltz (1736-1779). Der Fuß ist höher als bei der anderen Monstranz und mit Rosen und Trauben geziert. Im Wappenfeld sind Bischofsmitra, Drachen und Löwen erkennbar. Das
Schaugefäß wird von einem tulpenförmigen Ansatz getragen. Die heilige Hostie, deren Einsatz fehlt, ist von zwölf Edelsteinen umgeben. Von den Rändern gehen Strahlen aus, die den Gedanken
der Sonne Gottes aufgreifen. Über der Hostie befindet sich Gottvater, der aus den Wolken steigt und die Weltkugel in der Hand hält. Er ist von Putten, Blattwerk und Trauben umgeben.
Krönender Abschluss auf der Spitze ist das Kleeblattkreuz mit einem Bergkristall. In der christlichen Ikonographie ist der Amethyst das Symbol des Martyriums, der Bergkristall das Symbol
der Reinheit und der Topas das Symbol der göttlichen Weisheit.
Beide Monstranzen sind kunstvolle Übersetzungen einer Vision des heiligen. Augustinus: ”Wir werden feiern und
wir werden schauen; wir werden schauen und wir werden lieben; wir werden lieben und wir werden singen. Das wird sein am Ende ohne Ende.”
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