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Figur mit seltsamer Geschichte
Steinerne Maria war einmal heilige Barbara
Von Propst i. R. Paul Jakobi
"Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“
, prophezeite Maria ihrer Cousine Elisabeth im Magnifikat (Lk 1,48). Maria hat recht behalten; denn bald schon begann ihre Verehrung, die im Mittelalter ihren ersten Höhepunkt
erreichte. Auf dem Weg über das Gebet, das Lied, die Musik und die Kunst versuchten die Christen, ihr ihre Sympathie zu zeigen und ihre Erwartungen an sie auszudrücken. Verehrung und
Hoffnung sind die Stichworte, mit denen sich die Gläubigen der Gottesmutter näherten.
Der bibelkundige Christ weiß, dass Maria sich nicht selbst durch überragende Leistungen
großgemacht hat, sondern Auserwählte Gottes war. Sie selbst bringt diesen gnadenhaften Charakter ihres Lebens zur Sprache, indem sie in ihrem Lobgesang singt: "Der Mächtige hat
Großes an mir getan“ (Lukas 1,49). Bis in die Gegenwart hinein ist dieser Zusammenhang zwischen Mutter und Kind beachtet worden, etwa im Marienlob der Mindener Dichterin Gertrud von
le Fort, die Jesus liebevoll mit dem Wort anredet: "Kindlein aus der Ewigkeit“. Erst danach wendet sie sich Maria zu und fährt fort: "Nun will ich deiner Mutter
singen“. In ihrem Gesang nennt die Dichterin Maria die "Tochter meiner Erde“ und die "Schwester meiner Seele“.
Dieser Zusammenhang zwischen dem
göttlichen Kind und seiner irdischen Mutter mag dazu geführt haben, in der Kunst Maria nicht nur als Einzelperson, sondern auch immer wieder mit ihrem Kind darzustellen. Gerade diese
einmalige Verbindung zwischen Jesus und Maria hat sie zur Zuflucht der Hoffenden werden lassen. In ihr erkennen sich viele Eltern wieder, vor allem Frauen, die wie sie um das Leben ihrer
Kinder kämpfen. Darum begegnet uns auch in der Kunst bei zahllosen Darstellungen Maria mit ihrem Kind auf dem Arm. In der Schatzkammer befindet sich eine Madonna mit Kind, die bis 1995
auf einer Konsole in der Kapelle des St. Michaelshauses gestanden hat. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert, ist aus Sandstein gearbeitet und farbig gefasst. Maria trägt ein rotes, eng
anliegendes Unterkleid, darüber ein in üppigen Falten gestaltetes blaues Obergewand. Ihre gelösten Haare fallen in breiten Strähnen über die Schultern. Auf dem Haupt befindet sich eine
ungewöhnlich flache, bescheidene Krone, die mehr ihre Niedrigkeit als ihre Erhöhung ausspricht. Ihre linke Hand ist ein wenig ausgestreckt -bittend offen. Vielleicht steckt in diesem
Gestus auch ein Zeichen ihrer Hingabe. Der ernste Blick der Mutter ist über das Kind hinweg in die Ferne gerichtet.
Auf dem rechten Arm hält Maria ihr unbekleidetes Kind. Mit
keckem Blick und verschmitztem Gesichtsausdruck sitzt der Junge glücklich-souverän auf seinem mütterlichen Thron. Die rechte Hand hat er an seine Brust gepresst, die linke wie zu einem
kindgemäßen Winken erhoben. Die Beine sind leicht übereinander geschlagen. Der Betrachter kann sich lange an diesem sorgenlosen Kind erfreuen.
Die Geschichte dieser Figur weist eine seltsame Besonderheit auf. Auf einem Foto aus dem Jahre 1945 ist sie nicht
als Maria, sondern als die hl. Barbara dargestellt. Anstelle des Kindes trägt sie in ihrer rechten Hand einen mächtigen, gedrungenen Turm, dem Attribut dieser Heiligen. Nach der Legende
hat ihr heidnischer Vater, der mit ihrer Bekehrung zum Christentum nicht einverstanden war, sie in einen Turm einsperren lassen. Bei der Restaurierung 1975 wurde festgestellt, dass der
Turm aus Gips eine Ummantelung des beschädigten Kindes war. Der alte Zustand wurde wieder herbeigeführt, die defekten Stellen des Kindes ausgebessert und die ursprüngliche Farbfassung
freigelegt. Es ist nicht bekannt, warum die Umarbeitung zur hl. Barbara erfolgt ist; auch über die Herkunft der Figur liegen keine Erkenntnisse vor. Wenn auch der Gesichtsausdruck Mariens
für die Madonnendarstellungen des 15. Jahrhunderts ungewöhnlich hart erscheint, ist diese Figur doch ein wahrer Schatz, der aufmerksame Betrachtung verdient.
[Nächstes Objekt im Mindener Domschatz: Mindener Sakramentar]
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