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“Werdet so, wie dieses Brot”
Der Domschatz birgt zwei sehenswerte Ziborien
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Eines der am häufigsten gesprochenen Tischgebete lautet
: ”Alle Augen warten auf dich, o Herr, du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du öffnest deine Hand und erfüllst alles, was lebt, mit Segen.” Ein solches Gebet sprechen
Menschen, die Hunger haben. Mahatma Gandhi, der diese Not aus nächster Nähe kannte, hat dazu gesagt: “Es gibt so viele hungernde Menschen in der Welt, dass Gott nur in der Form des
Brotes zu ihnen kommen kann.” Auch aus diesem Grunde hat Jesus uns zu beten gelehrt: “Unser tägliches Brot gib uns heute” (Mt 6,ll).
Der Hunger der Menschen aber
hat viele Gesichter; es gibt auch einen Hunger der Seele. Um diesen Hunger zu stillen, muss tiefer gegraben werden. ”Wer unter der Oberfläche gräbt, tut das auf eigene Gefahr”
(Oscar Wilde). Er stößt auf Erkenntnisse, die ein Leben verändern können. Zu diesen Erkenntnissen gehört das Wort Jesu: “Ich bin das Brot des Lebens” (Joh 6.48 ). Brot ist
mehr als Brot; Brot ist ein Name. Jesus konnte sich mit dem Brot identifizieren, weil die Bestimmung des Brotes mit seinem Wesen übereinstimmt. Das Brot ist niemals für sich da, sondern
immer für andere. Indem es sich an die Menschen verschenkt, erhält es ihr Leben. Genau das war auch die Intention Jesu, Brot zu sein für das Leben der Welt.
Dieses Brot aber soll
nach dem Willen Jesu unter die Menschen kommen. Darum kann der Evangelist Johannes in seinem Bericht über die Brotvermehrung mitteilen, dass Jesus es an die Leute austeilte (vergleiche
Joh 6,11). Seine Jünger haben ihm dabei geholfen, wie heute die Pfarrer das Abendmahl austeilen. Dazu werden große Kelche in den Kirchen benötigt, die das heilige Brot aufnehmen. Diese
Kelche enthalten die Botschaft, die lautet: “Werdet so, wie dieses Brot. Empfangt es und lasst euch selbst in ein Brot für andere verwandeln.”
Im Mindener
Domschatzinventar von 1683 werden zwei sehenswerte Ziborien erwähnt, die in der Schatzkammer noch vorhanden sind. Das erste wird als ”übergüldetes messingen Ciborium”
bezeichnet. Es stammt aus dem 13. oder 14. Jahrhundert und besteht aus Kupfer. Im Mindener Inventar wird mehrfach Messing mit Bronze oder vergoldetem Kupfer verwechselt. Das Innere des
Gefäßes war früher versilbert.
Dieses Ziborium besticht durch eine schlichte, romanische Form. Über einem einfachen, runden Fuß erhebt sich ein langer. säulenförmiger Schaft, der
innen hohl ist. Die Mitte des Schaftes wird durch einen sechsfach ausgebuckelten Nodus betont, der beim Halten in der Hand Sicherheit gibt. Am oberen und unteren Ende sind Manschetten
angebracht. Der Schaft trägt ein schlichtes, rundes Gefäß, das von einem konisch gestalteten Deckel abgeschlossen wird. Gefäß und Abdeckung sind durch Scharniere miteinander verbunden,
von denen ein Scharnier zum öffnen einen herausnehmbaren Stift mit Kettchen hat. Ein auf der Spitze angebrachter, abgeflachter Kugelknauf erleichtert das Abheben des Deckels.
Das
andere Ziborium ist am Anfang oder in der Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden. Es besteht aus Silber und ist zum Teil vergoldet. Im Mindener Domschatzinventar wird es mit den Worten
beschrieben: ”Ein silbern übergüldeter Communicanten - Becher mit dem Deckel.” Von besonderer Schönheit ist der Fuß dieses Ziboriums. Über einer kunstvoll gestalteten
Profilkante laufen zwölf Rillen auf den aufsteigenden Schaft zu, in denen zwölf in Silber gegossene Apostelfiguren in Dreiviertelplastik mit ihren Attributen dargestellt sind. Die Mitte
dieses Fußes wird durch ein schlichtes eingraviertes Kreuz bestimmt. Eine wertvolle Goldschmiedearbeit ziert auch den Knauf, auf dem Rautenfelder mit Akanthusblattrosen erkennbar sind.
Über einem Ring ist die Kuppe befestigt, die früher innen vergoldet war. Der Speisekelch wird mit einem Deckel in Halbkugelform verschlossen. Wie eine Krone befindet sich darauf ein aus
Blättern gestaltetes Zierwerk, aus dessen Mitte ein schlichtes Kreuz erwächst, das anstelle eines Korpus überkreuzt einen Speer und einen Stab mit Essigschwamm trägt. Wahrscheinlich sind
Krone und Kreuz in späterer Zeit ergänzt worden.
Die liebevoll gearbeiteten Speisekelche wollen ihre Verehrung für das Mahl Jesu, in dem das eucharistische Brot ausgeteilt wird,
zum Ausdruck bringen. Sie sind aber auch ein Hinweis auf das Verlangen der Menschen, das Ernst Wiechert in die Worte kleidet:
“Und gib, dass es mir niemals fehlt an dem,
wonach ihr Herz sich quält: Ein bisschen Brot und viel Erbarmen.”
[Nächstes Objekt im Mindener Domschatz: Der Heilige Andreas]
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